#36 Einfach loslassen?

Jeder spricht immer davon: „Lass es doch einfach los! Dann klärt es sich von alleine.“ Warum klappt das nicht? Warum halten wir an so vielem fest?

Betrachten wir es doch als erstes einmal bildlich: Stellen wir uns einfach einmal vor, dass zwei Menschen an einem Seil ziehen – Tauziehen. Einer Links einer rechts, jeder möchte gewinnen, was heisst, den anderen auf seine Seite ziehen. 

Was passiert, wenn einer von beiden loslässt? Hier gibt es viele Szenarien. Es kommt schon einmal darauf an, wer da am anderen Ende des Seils hängt. Wenn ich es nämlich einfach loslasse, könnte der andere böse fallen. Jetzt ist die Frage, finde ich das gut oder nicht. Wenn ich das Seil loslasse, habe ich es auch nicht mehr in der Hand, d.h., die Kontrolle darüber geht verloren. Möchte ich das? 

Weiter, was passiert mit meinem Körper? Während dem ich an dem Seil ziehe, ist es anstrengend, ich muss aufpassen, mein ganzer Fokus geht in diese Richtung. Beim Loslassen, wird sich mein Körper schlagartig entspannen. Kurze Angst könnte sich einstellen, was passiert jetzt? Rückgängig geht nicht mehr. Der andere ist erstmal weg bzw. frei.  

Anders sieht es sicher aus, wenn ich an etwas hänge. Auch das ist anstrengend. Klimmzüge kann nicht jeder ewig. Auch hier wird das loslassen eine Entspannung mit sich bringen. Im Zweifelsfall fällt man. Je nachdem wie weit oben man hängt. 

Auf den Körper bezogen, zeigen beide Beispiele, dass das Festhalten anstrengend ist und dass das Loslassen entspannt sowie eine gewisse Ungewissheit mit sich bringt. 

Die Ungewissheit ist sicher eins der größten Probleme beim Loslassen. Und das auch im mentalen Sinne. 

Wir haben zum Beispiel Angst davor, andere Menschen loszulassen. Aus irgendwelchen Gründen denken viele Menschen, wenn sie nur aufpassen (festhalten) wird alles besser. Das beobachte ich bei Eltern, bei Führungskräften in Partnerschaften und es gibt sicher viele andere Beispiele. 

Also genau genommen trauen wir dem anderen nicht zu, dass er sein Leben oder seine Situation selbst hinbekommt. Wir wollen, dass er Dinge tut, wie wir sie für richtig halten. Vielleicht haben wir auch Angst dass er wegläuft…

Jeder der mich kennt, hat es bestimmt schon oft gehört:“ Jemanden anderen zu verändern oder so zu basteln, wie ich ihn haben möchte, kostet unheimlich viel Kraft. Und die Erfolgsaussichten sind relativ gering.“  Dieses Festhalten kostet viel Kraft und ist anstrengend. 

Und wenn wir das ganze mal aus der anderen Sicht (dem festgehaltenen) betrachten, führt es wahrscheinlich auch eher dazu, dass er weg läuft, oder eben überhaupt gar nicht mehr tut, was er soll. Wer lässt sich schon gerne festhalten. 😊

Und nun kommen wir zum Loslassen: Hier kommt es natürlich etwas darauf an, wie lange die Situation schon so besteht. Wenn wir lange genug festgehalten haben, dann wird natürlich der andere erst mal umfallen, weil er es überhaupt nicht gewohnt ist, plötzlich alleine zu stehen. Es dauert sicher ein bisschen, bis er sich aufgerappelt hat und ins tun kommt. Wenn wir losgelassen haben, können wir nur noch zuschauen. Und wir müssen vertrauen. Wir müssen vor allem vertrauen, dass der andere es auch alleine hin bekommt. Und da die meisten Menschen überlebensfähig sind, werden sie es auch schaffen. Egal ob im Arbeitsumfeld oder in der Familie. Vielleicht machen sie es anders. Vielleicht machen sie es auch nicht so, wie wir es schön finden… aber wer sagt denn, dass wir alles richtig machen?

Die größte Gefahr ist, dass wir etwas neues lernen (müssen), dass wir uns umstellen müssen. Aber ist das wirklich so schlimm? Das macht irgendwie kaum jemand gerne. Lieber versuchen wir alle anderen so zu basteln dass es uns bequem ist. Der Aufwand dabei steht aus meiner Sicht in keinem Verhältnis zum Nutzen.

Auch wenn jemand eigentlich weg möchte, und wir ihn krampfhaft festhalten, verlängern wir den Abschied nur. Und wenn wir dann an ihm ziehen, dann zieht er um so stärker in die andere Richtung. Nur loslassen kann etwas bewirken. Zum einen haben wir wieder Kraft für andere Dinge und der andere kann sich frei entscheiden wo er hin möchte. Das sagt auch das alte Sprichwort: Wenn eine Tür zugeht, öffnet sich eine Neue. 

Um loszulassen ist aber noch etwas wichtig, ich muss erst mal wissen 

  • was ich überhaupt festhalte. 
  • Woran ich mich festhalte. 
  • Wen ich da festhalte. 

Wie bei vielen Problemen ist das nicht immer offensichtlich. 

Wenn man etwas loslassen möchte, ist es nicht viel anders als beim Loslassen von Menschen. 

Zuerst sollte man sich klar werden, was man dort eigentlich fest hält. Zum Beispiel beim Job. Eigentlich will man weg aber irgendwie klappt es nicht mit dem Loslassen. Was ist das, was uns festhält? Sind es die Menschen, die ich nicht verletzen möchte? Oder vielleicht die Erfahrung, die ich Angst habe aufzugeben? Ist es die Sicherheit? Der Arbeitsweg? Wenn ich genau weiß, was ich festhalte, dann klappt es auch leichter loszulassen. Denn dann kann ich mir anschauen, was passiert danach. Wie kann ich das Thema lösen? Die Angst vor dem großen Ungewissen hält uns meist ab. Und wenn wir es nicht anschauen, bleibt es Ungewissheit. 

Keiner weiß, was danach passiert. 

Aber sind wir doch mal ehrlich, wir wissen auch so nicht, was morgen passiert. Nur weil es jeden Tag so war, muss es morgen nicht auch so sein. Und in diesem Spiel spielen auch andere Menschen, andere Umstände,… mit. Auch die können sich morgen oder in 5 Minuten ändern. 

Manchmal merken wir es auch nur körperlich, dass wir an etwas festhalten.

Wir verspannen uns, unser Körper drängt in eine Richtung. 

Ich erlebe Menschen, die sehen richtig so aus als würden sie etwas hinter sich herziehen oder gegen etwas kämpfen, was gar nicht körperlich da ist. Aber es ist in deren Gedanken da. Eine Situation, die nicht aufzulösen ist. Viele kleine Missverständnisse zum Beispiel. Und das äußert sich dann auch oft körperlich. Das kann kurzfristig sein oder auch schon sehr lang in uns verankert. 

Beobachten Sie sich doch einfach mal. Was spannen Sie an? 

Um hier loslassen zu können, muss ich wie bei allen anderen Themen auch, erst mal sehen, was ich festhalte. Ich muss es spüren.

Das braucht mitunter seine Zeit. Denn gerade das, was wir lang gewöhnt sind, merken wir gar nicht mehr. Wer weiß schon wie er läuft? Was er dazu anspannen muss, in welcher Reihenfolge er die Muskeln bewegt,…das ist automatisiert und wir merken es nicht mehr. So ist es auch oft mit Verspannungen, die lange da sind. 

Das läuft alles schon unbewusst ab. Erst mit der Erkenntnis, kann ich anfangen etwas zu ändern. Manchmal hat man Glück, und andere Menschen weisen einen darauf hin, weil sie es sehen. Aber oft hat jeder mit sich selbst zu tun und so ist es schwieriger das herauszufinden.

Wenn man jetzt so eine Verspannung gefunden hat, dann könnte man ja einfach aufhören sie fest zu halten. 😊

Oftmals versuchen es aber dann die Menschen mit Dehnungsübungen, die aus meiner Sicht eher kontraproduktiv sind. und dazu braucht man sich eigentlich nur das Gesicht anschauen. Woran erinnert es uns eher? an ein krampfhaft festhaltendes Gesicht oder an ein loslassendes Gesicht. 

Ein echtes Loslassen geht immer mit Entspannung einher, niemals krampfhaft. 

Die einzige Möglichkeit über den Weg des krampfhaften festhaltens ist die totale Erschöpfung. Dann setzt die Entspannung irgendwann automatisch ein. Wenn es nicht mehr geht. Aber ob man es immer so weit kommen lassen möchte?

Loslassen funktioniert als erstes über Bewusstwerdung. Das braucht Zeit, man muss sich mit sich selbst beschäftigen. Dann anschauen, was kann passieren? Risiken abwägen und ausschalten. Dann einfach mal loslassen. Ausprobieren! 😊 Jeder der das bei großen Problemen schon hinter sich hat, weiß dass es Angst gemacht hat, aber zum Schluss eine wichtige Erfahrung war und einen Wandel mit sich gebracht hat. Und es war so viel leichter danach….

Hier lege ich auch gerne unsere Veranstaltung im September ans Herz: eine Woche Yoga, Meditation, frische Luft und nur für sich selbst da sein…. Regeneration pur, und wer mag… Bewusstwerden. 😊 bei Fragen einfach melden….Yoga und Regenerationswoche 12. -19. September 2020 in Kreischa.

Danke fürs Lesen!

Sabine Pinisch

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